#16 Almaty — irgendwo in der kasachischen Steppe

#16 Almaty — irgendwo in der kasachischen Steppe

Almaty — die ehemalige Hauptstadt Kasachstans, die 1997 von Astana abgelöst wurde, aber mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern immer noch größte Stadt des Landes und auch sonst das kulturell-wirtschaftliche Zentrum des Landes.

Kasachstan ist eindeutig der wohlhabendste und meist entwickelte Staat in Zentralasien, was man sofort beim Betreten der Stadt bemerkt. Man wird von Burger King und Starbucks begrüßt (die es woanders nicht gab), die Architektur ist deutlich moderner, es wird viel gebaut und auch sonst macht alles einen „teureren“ Eindruck.

Alt trifft auf Neu.

Burger King neben einem Kino aus Sowjet-Zeiten

Generell sieht Kasachstan zudem viel europäischer und westlicher aus als bspw. Kirgistan oder Tadschikistan, ebenfalls die Kasachen selbst. Die kirgisische Bevölkerung ist eher „mongolisch-chinesisch“, wohingegen die kasachische deutlich europäischer geprägt ist.

Ich persönlich finde es gut, dass ich Kasachstan als letzten der fünf zentralasiatischen Staaten besucht habe und mich somit von den anderen Staaten langsam zurück Richtung Europa orientiere und man die Transition von Asien nach Europa erlebt.

Die Stadt Almaty selbst ist umgeben von Bergen, was der Stadtkulisse ein interessantes Panorama verleiht. Die Nähe der Berge lädt auch zu Wandertouren ein, sodass Almaty einen perfekten Ausgangspunkt für ebendiese bildet.

In Almaty änderte ich meine Pläne bezüglich meiner Rückreise. Eigentlich hatte ich den Beginn der Rückfahrt aus Almaty Anfang Juni geplant, sodass ich gegen Ende desselben Monats wieder in Deutschland sein würde.
Da Lukas, mein Mitfahrer aus Tschechien, ebenfalls zurück nach Europa fahren wollte, änderte ich diese Planung und verschob die Abreise etwas nach vorne, da wir somit weiter zusammen reisen konnten und ich die Heimreise nicht alleine antreten musste.

Vor mir bzw. uns lagen knapp 6300 Kilometer, weitestgehend durch öde und wüste Landschaften, was alleine auf Dauer doch ziemlich eintönig sein kann.

So besorgte ich mir kurzerhand ein neues, früher datiertes Visum für Russland und wir verließen Almaty am 22. Mai gegen Nachmittag, das Auto vollgepackt mit allerhand Lebensmitteln und Wasservorräten, wollten wir doch die nächsten Tage campen.

Kurz hinter den Stadtgrenzen von Almaty wurden wir von der Polizei angehalten. Ich mimte jedoch (mal wieder) den Ahnungslosen, der nichts versteht und keine Ahnung hat, lächelte freundlich und war auch sonst sehr, sehr unwissend. Entnervt ließ uns der Polizist fahren, sichtlich wütend darüber, dass er diesmal kein Schmiergeld kassieren konnte — sorry!

Gegen Abend, als die Dämmerung langsam über die kasachischen Ebenen hereinbrach, schauten wir uns langsam nach einem Platz für die Nacht um. Eher nach dem Zufallsprinzip bog ich von der Hauptstraße ab, die uns bis zur russischen Grenze führen würde, und fuhr ein wenig in die Landschaft. Nach ein paar Minuten entdeckten wir einen versteckten Platz zwischen ein paar Bäumen, der für eine Nacht mehr als ausreichen sollte.

Wir bauten die Zelte im Licht der untergehenden Sonne auf, zündeten den Gaskocher und gingen aufgrund der zahlreichen Mücken früher als gedacht schlafen.

Am nächsten Morgen schälte ich mich aus dem Zelt, mich empfing die kühle Luft eines Sommermorgens. Lukas bereitete bereits das Frühstück vor, ein erstklassiges Mahl bestehend aus „Naturella“ (Nutella ist dann doch zu teuer, weil Importprodukt), Brot und sogar Rührei.

Gestärkt machten wir uns auf die Weiterfahrt. Wir fuhren und fuhren und fuhren, das Grün der Landschaft wich langsam der Farbe der Steppe. Wir entdeckten eine Art Ruine etwas abseits der Straße. Da es extrem windig war und es in der Steppe absolut gar nichts gibt, was Schutz bietet, hielten wir die Ruine für eine gute Wahl im Hinblick auf eine einigermaßen angenehme Nacht.

Interessanterweise entdeckte ich sogar eine Schildkröte mitten in der Steppe — zwar leider tot, aber dennoch war ich überrascht, dass diese Spezies hier einen Lebensraum hat.

In den frühen Morgenstunden wurde ich von einem lauten Rumpeln geweckt. Beim Blick aus dem Zelt stellte ich fest, dass die Bahnstrecke nicht weit von uns verlief und sich ein äußerst langer Güterzug seinen Weg durch die Einöde kämpfte. Ich winkte, und der Zug antwortete mit einem fernen Hupen.

Windschutz, bestehend aus Auto-Wasserkanister-Benzinkanister-Lukas

Nach dem Frühstück wurden wir schon bald erneut von der Polizei gestoppt, diesmal aber zugebenerweise nicht zu Unrecht. Eigentlich darf man auf kasachischen Autobahnen 100 km/h fahren, was ich auf der überraschend gut ausgebauten Straße auch tat — bis einfach so, ohne erkennbaren Grund, ein „50“-Schild auftauchte. Ich hatte echt keine Lust zu bremsen und ließ den Audi einfach ausrollen. Hätte ich vorher mal den Rückspiegel gecheckt, was ich wegen des dünnen Verkehrs länger nicht getan hatte, wäre mir aufgefallen, dass uns schon länger ein Polizeiwagen folgte.

Dessen Besatzung bekam natürlich meinen Tempoverstoß mit und hielt uns auch sofort an. „Radar, Radar!“ rief mir der Officer zu, nachdem ich ausgestiegen war. Ich schlurfte langsam zu ihm hin und malte mir im Kopf bereits aus, wieviel ich wohl bezahlen müsste, denn kasachische Verkehrsstrafen sind wirklich nicht zum Lachen.

Der Polizist sagte mir irgendetwas auf Russisch, was ich nicht verstand, schaute mich grimmig an und rückte seine übergroße Mütze zurecht. In solchen Polizeikontrollen redete ich eigentlich stumpf auf Deutsch, denn einige Polzisten können tatsächlich Englisch, was eine ihnen bei Verstößen eine perfekte Angriffsfläche bietet. Etwas hilflos sagte ich daraufhin „German Embassy, Astana!“ und „Diplomat“ und zeigte auf mein Handy. „Oh, you are diplomats?“, fragte der Polizist erstaunt. „Yes, yes!“ rief ich — und zu meinem Erstaunen antwortete er „You can go“ und wir durften fahren. Anstandslos gab er mir meine Dokumente zurück, die ich entgegennahm und ich ging selbstbewusst zurück zum Auto

Etwas perplex stieg ich ein, startete den Motor, schaute zu Lukas und fing einfach nur an zu lachen.
Lukas blickte mich verwirrt an, fragte was los sei und wie ich so glücklich sein könne. Ich klärte ihn über mein „Verhandlungsgeschick“ und über unseren „Diplomatenstatus“ auf, gab Gas und schon waren wir davon. Was wohl die Polizisten über uns denken würden?

Man muss dazu wissen, dass ich beim Aussteigen aus dem Auto wirklich einen schäbigen Eindruck gemacht habe: Ungewaschen, Haare zerzaust, dreckiges T-Shirt sowie eine Jogginghose, über die ich am Morgen noch meinen halben Kaffee ausgeschüttet hatte. Dazu der „alte“, dreckige Audi — ich finde es immer noch witzig, dass der Polizist mir das Ganze so abgekauft hat, hätte er doch ordentlich Profit mit uns machen können. Aber gut, man soll auch einfach mal Glück haben.

Abends fanden wir einen schönen Stellplatz am Fluss Syrdarja, einer der Zuflüsse zum austrocknenden Aralsee. Auf dem Weg dorthin statteten wir der Stadt Baikonur noch einen kleinen Besuch ab. Leider wurden wir am Eingang der Stadt abgewiesen, denn die gesamte Stadt ist unter russischer Kontrolle und man benötigt eine spezielle Erlaubnis. Nichtsdestotrotz konnten wir bei der Weiterfahrt die Startrampen des Weltraumbahnhofes in der Ferne erkennen.

Mitten in der Nacht wurde ich von Wassergeräuschen geweckt. Panisch weckte ich Lukas, campten wir doch direkt an der Klippe zum Wasser und ich hatte die Befürchtung, dass irgendein kasachisches Flussungetüm es auf uns abgesehen habe. Ich griff nach einer Lampe, leuchtete Richtung Fluss und sah — Wildpferde.

Ja, die Wildpferde hatten beschlossen, nachts um 2 ein Bad zu nehmen, was man ihnen ja eigentlich nicht verübeln kann, aber mitten in der Nacht?

Einigermaßen beruhigt kletterte ich zurück ins Zelt.

Auch am nächsten Morgen leisteten und die behuften Zeitgenossen wieder Gesellschaft. Vor unserer Abfahrt wusch ich unser Geschirr im kalten Flusswasser ab und wir fuhren weiter. Zu diesem Zeitpunkt waren wir nur noch knapp 4900 Kilometer von Deutschland entfernt.


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