#17 kasachische Steppe — Moskau — zu Hause

#17 kasachische Steppe — Moskau — zu Hause

Unser weiterer Weg führte uns weiter auf der M32 in Richtung russischer Grenze, durch die Leere der kasachischen Steppe.

Weit und breit nichts als Einöde, andere Autos und Menschen wurden rar. Wieder einmal war ich überwältigt von der gefühlt unendlichen Weite; egal in welche Richtung man auch blickte, überall nur erdfarbener Untergrund und ein flimmernder Horizont.

Nach ein paar Stunden verschwanden die Strommasten und auch der bisher eh schon spärliche Handyempfang war vollends vorüber. Auch hier war ich froh, nicht alleine reisen zu müssen; sollte doch etwas Schlimmeres passieren, war ich wenigstens nicht auf mich allein gestellt.

Mitten im Nichts durchquerten wir ein kleines Dorf, in dem Frauen allen Alters Waren aller Art verkauften. Um sich vor dem Staub zu schützen, waren sie teilweise bizarr verhüllt. Wir kauften nichts, da wir ausreichend Vorräte hatten.

Ab und zu ließen sich ein paar Kamele am Straßenrand blicken, natürlich mussten wir auch dafür einmal zum Fotostopp anhalten. Augenscheinlich scheint das Leben in der Steppe ganz schön hart zu sein, dem Anblick der höckrigen Tiere nach zu urteilen.

Gegen Abend fanden wir einen netten Platz neben einem Gebäude, dessen Sinn und Zweck mir bis heute verborgen bleibt. Es stand mitten in der Steppe, weitab von jeglicher Zivilisation, nur ein kleiner Pfad führte von der Hauptstraße dorthin. Da es sehr windig war, schätzten wir den windgeschützten Teil hinter dem Türmchen (meine Zeltabdeckung sollte sich trotzdem noch in der Nacht verabschieden).

Von unserem Türmchen aus fuhren wir am nächsten Tag weiter durch Aqtöbe und schließlich nach Uralsk, wo wir noch zwei Nächte verbrachten, da unser Russlandvisum noch nicht gültig war.

Erstaunlicherweise war die Einreise nach Russland dann erfreulich unkompliziert, und schneller als wir dachten waren wir im größten Land der Erde.

Eine Sache, die ich in Kasachstan schon gelernt hatte und auch in Russland praktisch war: Entfernungen in diesen Ländern sehen auf Karten deutlich kürzer aus, als sie sind. Merken!

Dank dem Umstand, dass wir an einem Tag drei Zeitzonen durchquerten, konnten wir an diesem Tag mehr als 700 Kilometer fahren und waren am Abend noch circa 650 Kilometer von Moskau entfernt.

Ich fand einen geschützten Platz auf einem kleinen Hügel, wir kochten Abendessen und schlugen die Zelte auf. Um am nächsten Morgen früh aufbrechen zu können, gingen wir zeitig schlafen.

So warm wie es am Tag war, so kalt wurde es in der Nacht, worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war. Ich wachte irgendwann auf, draußen war es immer noch dunkel, und ich spürte meine Füße nicht mehr. Mein Atem kondensierte in der Luft beim Ausatmen.

Ich kramte nach meinem zweiten Pulli, den ich um meine Füße wickelte, doch es wurde kaum besser. Ich fiel dennoch in eine Art Halbschlaf.

Gegen acht Uhr morgens wurde es dann aber wieder so heiß im Zelt, dass ich schon einmal das Frühstück vorbereitete. Auch Lukas hatte gefroren, ließ sich das Ganze aber nicht so anmerken und ging stattdessen eine Runde um den Hügel laufen. So motiviert war ich dann doch nicht, öffnete stattdessen eine Dose Würstchen und feuerte den Gaskocher an.

Die Fahrt nach Moskau war recht entspannt, auch wenn sich die Straßenverhältnisse ständig änderten. Ich stellte aber fest, dass die russischen Autofahrer deutlich besser fahren als man es dank zahlreicher Vorurteile denkt. Das Miteinander ist definitiv besser, es wird sich gegenseitig gewarnt (Polizei, Blitzer, Unfälle, Gefahren) und auch das Überholen wird abgestimmt (der erste überholt zuerst und der Überholte gibt das Ganze durch Rechtsblinken frei). Dies ist vor Allem praktisch, wenn man hinter einem LKW hängt und kaum Sicht nach vorne hat. Trotzdem ist es schon ratsam, als russischer Fahrer eine Dashcam zu gebrauchen, bei der ein oder anderen Situation…

Moskau kündigte sich bereits 2 Stunden vor Ankunft mit monströsen Staus an, wobei wir durch den Umstand, dass wir am Abend in die Stadt hinein- und nicht hinausfuhren, noch etwas profitierten.

Wenn man tagelang durch verwahrloste und leere Landstriche fuhr und plötzlich wieder in einer Megastadt wie Moskau ist, ist das ein komisches Gefühl.

Es kam mir alles fremd und doch vertraut vor, zumal Moskau ja eben sehr „westifiziert“ ist. Ich ging das erste Mal seit Monaten wieder einen Kaffee beim Goldenen M trinken und fand danach sogar einen kostenlosen (!) Parkplatz in der Moskauer Innenstadt, nah bei unserem Hostel.

Wir verbrachten zwei entspannte und dennoch aufregende Tage in der Stadt, ich feierte meinen 19. Geburtstag auf dem Roten Platz (was zu dem Zeitpunkt wirklich toll war und einen schönen „ersten Abschluss“ der Reise darstellte) und genoss das Großstadtambiente.

Nichtsdestotrotz war es auch komisch, wieder unter Tausenden Menschen zu sein und touristische Attraktionen zu besuchen, bei denen man nicht der Einzige war, und auch die Preise waren wieder schockierend hoch. Wenn man vorher für maximal 2 Euro am Tag gegessen hat, ist man dann doch etwas enttäuscht. Nun ja.

Wir fuhren innerhalb eines Tages von Moskau bis nach Lettland und betraten wieder EU-Boden. Hey, keine Grenzkontrollen mehr! Einen Lettland-Erinnerungsstempel im Reisepass wollte man uns trotzdem nicht geben.

Die erste EU-Nacht verbrachten wir an einem malerischen See, ein vorletztes Mal Campen. Ein wenig traurig war ich schon, und ich saß noch lange mit Lukas draußen im Gras.

Der nächste Tag brachte die längste Etappe: Mehr als 12 Stunden Fahrt und fast 900 Kilometer nur über Landstraßen. Gegen Ende hin wurde es schon nervig, aber wir wollten unbedingt bis Warschau kommen, da es ab dort wieder eine Autobahn gab.

Bei Warschau parkten wir auf einem Rastplatz, Lukas baute sein Zelt neben einem Spielplatz auf, ich schlief im Auto. Unser letzter gemeinsamer Abend wurde leider von Regen überschattet, aber die Stimmung auf dem menschenleeren, grotesk erleuchteten Platz war dennoch irgendwie schön.

Um 5 Uhr klingelte am nächsten Morgen mein Wecker. Da es in der Nacht sehr schwül war, hatte ich nichts außer einer Unterhose an — was ich beim Aussteigen aus dem Auto leider vergaß.

Ich öffnete die Tür, war schon fast ausgestiegen, da fiel es mir ein. Also warf ich mir etwas über (und unter?) und machte mich erneut ans Aussteigen. Ich torkelte zum Kofferraum und wusch mich am Kanister.

Erst dann erblickte ich die knapp 20 Schüler, die neben ihrem Bus standen und mich die gesamte Zeit über beobachtet hatten. Ich hatte noch nie so verwirrte Gesichter gesehen. Als dann auch noch Lukas aus seinem Zelt dazu kam und unser Frühstücksbuffet neben dem Auto aufbaute, war das ungläubige Gucken auf dem Höhepunkt angekommen. Wir nickten freundlich, stiegen nach dem Essen ins Auto und fuhren ab. Mit einem Grinsen beobachtete ich die Gruppe, die uns mit ihrem Blicken folgte, im Rückspiegel.

Irgendwann überquerten wir die Grenze nach Deutschland. Ich war fast wieder zu Hause!

Lukas und ich verabschiedeten uns in Hannover, wo ich ihn am Fernbusterminal absetzte; er würde weiter nach Brüssel zu einer Freundin fahren. Wir standen da also, ungeduscht in dreckigen Klamotten, Lukas mit einem großen Rucksack und umarmten uns. Das war es jetzt also, nach 6.500 Kilometern zusammen würden sich unsere Wege wieder trennen. Ich war sehr dankbar, dass Lukas mich begleitet hatte; ich bin mir sicher, dass der Heimweg ohne ihn nicht so aufregend und unvergesslich gewesen wäre.

Wieder allein fuhr ich die letzten Kilometer bis nach Hause. Ich fuhr von der Autobahn ab, und plötzlich war wieder alles so vertraut. Ich hielt noch schnell an, um mich wenigstens einmal zu rasieren, was im Außenspiegel deutlich schwieriger als erwartet herausstellte.

Schließlich bog ich auf unsere Auffahrt, stellte den Motor ab und lief zur Haustür. Ich drückte auf die Klingel. Da war ich also wieder.

Dies ist nun (vorerst) das Ende meiner Blogeinträge.

Ich bedanke mich bei jedem, der so fleißig mitgelesen hat, seine Meinung abgegeben hat, mir Tipps und Unterstützung geschenkt hat — einfach Danke an jeden von euch.

Mir hat es immer Spaß gemacht meine Einträge zu verfassen, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung, aber ich hoffe doch sehr, dass ich einen einigermaßen „nahen“ Einblick in meine Erfahrungen und Erlebnisse geben konnte.

Ich kann sagen, dass diese Reise das Beste war, was ich bisher gemacht habe, ich würde es jederzeit nochmal genauso machen.

Danke an alle, die mich unterstützt und motiviert haben.

Wer weiß, was als nächstes kommt — stay tuned!

Viele Grüße,
euer Vincent


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