#4 Istanbul — Bolu

#4 Istanbul — Bolu

Hinweis zur zeitlichen Einordnung meiner Beiträge: Das Schreiben und veröffentlichen nimmt immer etwas Zeit in Anspruch, von daher liegen zwischen dem Erlebten und dem Beitrag dazu in der Regel 3-4 Tage, manchmal auch länger — sorry!

Istanbul

In Istanbul wohnte ich nicht im Hostel, sondern über Couchsurfing bei Recep, einem Türkisch-Lehrer an einer öffentlichen Schule. Er hat eine kleine Wohnung in einer ruhigen Nebenstraße, aber dennoch recht zentral gelegen.

Receps Nachbarschaft

Um ein wenig von Istanbul zu sehen, sind wir mit dem Bus ins Stadtzentrum gefahren, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist man einfach zügiger unterwegs als mit dem Auto. Eigentlich wollte ich davor noch duschen, aber ich hatte mal wieder Glück: Das Wasser war auf unbestimmte Zeit ausgefallen. Mein Host versicherte mir, dass das durchaus normal ist, weswegen auch jeder Istanbuler, der in einer „normalen“ Wohnung lebt, immer ein paar Wasservorräte im Badezimmer hat.

Wir stiegen schließlich aus, liefen die Hauptflaniermeile um den Tarlabasi Boulevard entlang und fanden uns auf dem Taksim-Platz wieder. Obwohl keine Reisesaison ist, war es unglaublich voll. Die verschwimmenden Menschenmassen zogen langsam an den unzähligen Geschäften und Restaurants vorbei, ab und zu zerschnitt eine rote Straßenbahn die Menge wie ein Eisbrecher die Eisfläche und klingelte aufgeregt die Passanten aus dem Weg.

 

 

Momentaufnahmen Istanbul

Auf Taksim-Platz tummelten sich viele Familien zum abendlichen Spaziergang im Licht der untergehenden Sonne. Auch wir machten uns auf den Heimweg, aber natürlich war die Bushaltestelle aus Wartungsgründen geschlossen. Nun ja, dann gehen wir halt zu Fuß, dachte ich mir — mein Host sah das jedoch anders. Er hielt einen der unzähligen Mini-Busse an, also zum Bus umgebaute Transporter.
Wir quetschten uns also in einen nach türkischen Vorstellungen mit allerhand Schnick-Schnack geschmückten Bus, es können eigentlich unbegrenzt viele Menschen mitfahren, nur die Tür muss sich jedes Mal schließen lassen („geschlossen“ ist dann übrigens der Definition des Fahrers überlassen). Wir jagten durch die überfüllten Straßen des Feierabendverkehrs, der Fahrer quetschte sich in immer neue Lücken hinein, die Hupe wurde als Alternative zur Bremse genutzt. Wir kamen dann irgendwann an, Recep kochte noch für uns.

Minibus-Fahrt und Abendessen

Istanbul ist eine riesige, laute und aufgeregte Stadt mit allerhand verschiedener Menschen; hier treffen verschiedene Kulturen, Ethnien und Menschen aufeinander. Man fühlt aber dennoch die „Westlichkeit“ in Istanbul, auch in der türkischen Bevölkerung.
In Istanbul treffen aber auch arm und reich in einem extremen Maße aufeinander: Männer in Anzügen und mit teuren Uhren, die in schwarze S-Klassen steigen neben syrischen Flüchtlingen, die Taschentücher, Lose und Blumen verkaufen. Selbst junge Kinder, viele bestimmt nicht älter als 6-7 Jahre, sprechen dich an und wollen dir etwas verkaufen. Man fühlt sich in einer gewissen Weise schlecht, aber weiß auch nicht wirklich wie man sich verhalten soll.
Die meisten der Türken sind nicht gut auf die Flüchtlinge zu sprechen, die auch in der Türkei zum Großteil aus Syrien stammen. Sie leben nicht in Unterkünften oder Einrichtungen, sondern auf der Straße auf dem in den Innenstädten eh schon begrenzten Raum. Wie bereits erwähnt, versuchen sie etwas Geld mit kleinen Dienstleistungen zu verdienen. Ich möchte mich hier nicht negativ über Flüchtlinge äußern, sondern nur die Meinung der Menschen wiedergeben, mit denen ich gesprochen habe.

Die Türkei ist ein nicht unbedingt reiches Land, Ressourcen sind begrenzt. Nun ärgern sich die die Türken darüber, dass sie diese mit anderen „Nicht-Türken“ teilen müssen, sie sehen eine Verschlechterung ihres eigenen Lebens. Entsprechend ist der Umgang mit den Flüchtlingen im Alltag, sie werden so gut es geht ignoriert und niemand spricht über dieses grassierende Problem. Und wenn, dann nur mit vorgehaltener Hand und im abfälligen Tonfall. Mir wurde gesagt, dass viele Flüchtlinge aber auch keine Bemühungen zeigen, sich in die Türkei zu integrieren, die Sprache zu lernen, aber ich sehe diese Aussage etwas kritisch, da die Flüchtlinge in der Türkei nicht unbedingt mit „Offenen Armen“ empfangen werden.
Recep erzählte mir, dass er großen Respekt vor der Willkommenskultur in Deutschland hat und etwas Vergleichbares in der Türkei unvorstellbar wäre. Es wird sich in nächster Zeit auch nichts an der prekären Situation ändern, die Geflüchteten werden weiterhin ein Schattendasein am Rande der türkischen Gesellschaft führen.

 

Bolu

Nach der Verabschiedung von meinem Host in Istanbul machte ich mich wieder in den Istanbuler Verkehr auf und — wie sollte es auch anders kommen — verfuhr mich auf dem Weg zur Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, die die beiden Teile Istanbuls verbindet. Dank Navi konnte ich aber schließlich in den asiatischen Teil einfahren. Der Blick von der Brücke war recht schön, aber wegen leichten Nebels sah man nicht allzu viel.

Ein Schild begrüßte mich in Asien, aber sonst war kein Unterschied zu spüren (hätte mich persönlich auch überrascht).

Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, seit 1988 in Betrieb

Die Autobahn war mal wieder exzellent, die enge Bebauung Istanbuls wich langsam und wurde durch erdfarbene Hügel ersetzt. Ich fuhr wieder durch kleine Dörfer, an unzähligen Tankstellen vorbei durch die Landschaft. Es begann leicht zu regnen, aber die Sonne kam letztendlich doch wieder zum Vorschein. Ich hoffte, dass es so bleiben würde.

Ich kam zum Nachmittag hin in Bolu an, einer Studentenstadt auf dem halben Weg zwischen Istanbul und Samsun (Schwarzmeerküste). Nach Bolu kommen so gut wie keine Touristen, da es nicht unbedingt als Attraktion wahrgenommen wird. Entsprechend ruhig und beschaulich ging es dort, ein Traum im Vergleich zum hektischen Istanbul. Die Preise dort sind niedriger, der gesamte Alltag ist entspannter; Kinder spielen im Stadtpark, Menschen sitzen in den zahlreichen modernen Cafés und Großmütter schütteln vom Balkon die Bettwäsche aus. Man fühlt sich direkt viel mehr nach Türkei und etwas willkommener als in einer Metropole wie Istanbul. Istanbul war nicht schlecht, aber will man die Türkei erleben, muss man einfach auch mal kleinere Städte gesehen haben und nicht nur immer den Touristen-Routen folgen — es lohnt sich!
Die Menschen in Bolu haben mich sehr freundlich empfangen, ist doch ein „Deutscher“ in ihrer Stadt eine kleine Attraktion. Ich traf mich mit Hüseyin, ein 21-jähriger Psychologie-Student der mir seine Couch zur Verfügung stellte, und half mir meine Sachen in seine Wohnung zu bringen. Danach zeigte er mir die Stadt. Die „Fußgängerzone“ war recht voll, diverse Menschen flanierten auf und ab, an den zahlreichen Geschäften vorbei. Anders als in Istanbul findet man in Bolu kaum westliche Geschäfte, sondern vielmehr „echte“ lokale Geschäfte. Die Auswahl an Restaurants war riesig, von überall her wehten die verlockenden Düfte zwischen den Häusern umher.

Da der gute Recep Tayyip Erdogan die Stadt am Mittag besucht hatte, hingen Plakate und Banner, Parteiwimpel flatterten langsam im Wind — es hatte durchaus einen gewissen „diktatorischen“ Anreiz. Erdogan lächelte weichgezeichnet von übergroßen Bildern, sein Name war in riesigen Buchstaben überall in der Stadt verteilt. Am Abend machte ein Autokorso nach dem Motto „I love Erdogan egal was er tut“ die Stadt unsicher.

Erdowie, Erdowo, Erdogan

Unweigerlich sprachen Hüseyin und ich auch über Erdogan. Er erzählte mir Folgendes: Vor allem die älteren, „einfachen“ Türken mögen und unterstützen Erdogan, aber die Generation der 20-30jährigen und jünger finden ihn fast ausschließlich vollkommen ungeeignet als Präsidenten, sie sind sehr unzufrieden. Erdogan bringe keine Modernisierung für das Land und richte die Türkei zu sehr auf sich selbst aus denn auf Globalisierung.

Am nächsten Morgen machte ich mich zum Gölcük Nationalpark auf, ca. 20 Minuten von der Innenstadt Bolus entfernt auf einem Berg gelegen. Ich fuhr die enge, kurvige Straße hinauf und zahlte umgerechnet knapp 3 Euro an einen alten Herren im Kassenhäuschen für den Eintritt. Ich parkte mein Auto und betrat den Park.
Es eigentlich nicht viel mehr als ein See mit einem Haus und Bäumen drumherum, aber die Natur war durchaus ansehnlich. Ich lief einmal um den See herum, machte ein paar Aufnahmen und nahm auf einer der zahlreichen Parkbänke Platz — einfach mal ein bisschen entspannen.
Um ich herum grillte eine Familie, Vögel flogen umher und ich fühlte mich das erste Mal wie im Urlaub. Die Sonne stand hoch am Himmel, es waren bestimmt um die 20°C, einfach eine schöne Atmosphäre. Zum Glück war ich an einem Montag hier, am Wochenende ist der Park ein beliebtes Ausflugsziel.

Gölcük Nationalpark

Am Nachmittag fuhr ich wieder nach unten in die Stadt und wurde von Ismail empfangen, der mich über Hüseyin zu einem Geburtstagsbüffet an seinen Arbeitsplatz im örtlichen Krankenhaus eingeladen hatte. Ich sprach viel mit seinen gut gelaunten Kollegen, obwohl weder sie noch ich Deutsch/Englisch bzw. Türkisch sprachen. Glücklicherweise ist das Hospital sowohl personell als auch finanziell gut aufgestellt, sodass die Stimmung bei Patienten und Mitarbeitern gut ist und wir gemeinsam etwas Spaß hatten.

Hüseyin und Ismail zeigten mir am Abend das „Stadtgericht“ von Bolu, ein Teigfladen gefüllt mit Fleisch, Knoblauch und Joghurt, der mir außerordentlich gut schmeckte und mit 2,50€ mal wieder unglaublich günstig war.

Yogurtlu Gözeme

Wir sprachen viel über die Situation von jungen Türken im Land.
Viele würden gerne mehr erreichen, vor Allem diejenigen mit guter Bildung dank Universität etc. Durch schwierige Voraussetzungen in der Türkei fällt das aber schwer; auch deswegen wird Erdogans Kurs von den jüngeren Generationen nicht unterstützt. Sie würden gerne im Ausland arbeiten, aber es mangelt an Sprachkenntnissen, Visa und Perspektiven, sodass sie quasi in der Türkei „gefangen sind“.
Hier können Sie keine hohen Löhne erwarten und keine Auslandserfahrung sammeln, wie es in Europa ja fast schon üblich ist. Diese Perspektivlosigkeit führt bei fast allen zu Wut über die aktuellen politischen Entwicklungen. Ein „Jahr Pause“ nach der Schule ist in der Türkei unvorstellbar, entweder geht man zur Schule/Universität oder arbeiten, alles andere ist finanziell nicht machbar, erzählte man mir.

Würde es nach den jungen Türken gehen, wäre der EU-Beitritt Ziel Nummer eins, um neue Märkte öffnen zu können. Aber bis die Türkei der EU einmal beitreten sollte, ist es noch ein langer Weg. Aber bringt es denn überhaupt etwas? Was hat sich denn in z. B. Rumänien oder Bulgarien seit dem EU-Beitritt wirklich verbessert? Wenn ich eines an diesem Abend gelernt habe: Es ist schwierig als junger Mensch in der Türkei und man kann es gar nicht genug wertschätzen, was für Möglichkeiten man als Jugendlicher respektive junger Erwachsener in Deutschland hat.


Die Kommentare sind geschloßen.