#6 Besikdüzü — Trabzon

#6 Besikdüzü — Trabzon

Die Sonne blitzte durch die schweren Verschläge, die vor den rustikalen Holzfenstern hingen und die ich am Abend noch schnell geschlossen hatte. Die warmen Strahlen weckten mich und hatten den kleinen, mit allerhand Zeug vollgestopften Schlafraum bereits aufgewärmt. Ich warf die Decke von mir, wälzte mich aus dem Bett, suchte ein frisches Paar Socken und meine Latschen

Chrissy und David, die beiden aus dem Bulli, waren auch schon wach, sodass wir frühstückten. Ich setzte Wasser auf und genoss meinen feinen Instant-Kaffe aus genau der Tasse, aus der ich zwei Nächte zuvor noch türkischen Wein getrunken hatte. Mein Brot sprang angebräunt aus dem Toaster, ich strich großzügig türkisches Nutella darauf und genoss mein deutsches Frühstück.

Meine beiden Begleiter brachen nach dem Frühstück Richtung Berge auf; wir machten noch ein Abschiedsfoto, und „Ole“, der weiße Bulli, verließ den rasigen Parkplatz und bog auf die Straße vor der Hütte. Ich blieb noch etwas dort, denn das Wetter war endlich schön geworden, was nach all den Regentagen wirklich guttat. Ich zog mich um und lief zum Strand.

Tschüss!

Auf dem Weg dorthin begegnete ich einem alten Paar auf ihrem morgendlichen Spaziergang, auch wenn wir uns nur mit Mühe verstanden, wir lachten viel und ich machte noch ein Foto der beiden. Ich glaube, sie freuten sich wirklich und gingen weiter.

Ein Lachen wird immer verstanden

Nach hundert Metern war ich am Strand, ein Hund lag faul auf der Straße und beobachtete mich argwöhnisch. Ich lief die steile Rampe zum Ufer hinunter und genoss die Aussicht auf das stille Meer.

Ich ging zurück und räumte die Hütte ein wenig auf, wusch mein Campinggeschirr unter eisig kaltem Wasser ab und packte mein Auto. Schließlich verließ auch ich das Sommerhäuschen und begab mich auf die Hauptstraße in Richtung Trabzon. Es war keine lange Fahrt, dafür aber sehr entspannt. Das gute Wetter verpasste mir eine angenehme Laune; aus der Lüftung wehte mir warme Luft ins Gesicht und ich kramte nach meiner Sonnenbrille, drehte die Musik lauter und genoss den Moment.

Ich kam bald darauf in Trabzon an, nachdem ich eine halbe Stunde im Stau stand; der Verkehr war auch im äußersten Nordosten der Türkei nicht anders. Das Navi leitete mich in eine Einbahnstraße, was ich aber zunächst nicht bemerkte, sodass ich ca. 100 Meter als Geisterfahrer zurücklegte ehe mich eine Armada aus wütenden türkischen Autofahrern, Gehupe, vollbesetzten Minibussen und heruntergekommenen Taxis an der Weiterfahrt hinderte. Peinlich berührt wendete ich auf der engen Straße in drei Zügen, ließ ein paar Schimpftiraden über mich ergehen und bog auf den Parkplatz des Arbeitsplatzes meines Hosts in Trabzon, Yusuf.

Er arbeitet in einem Schulbuchversand und begrüßte mich freudig. Sein Englisch war nicht das Beste, sodass wir uns fast ausschließlich mit dem Google Übersetzer verständigten. Es ist immer ganz witzig: Zuerst versucht man es ohne, dann kramt man nach dem Handy. Ein paar Sekunden Getippe, dann wird dem Gegenüber der Bildschirm gezeigt und nach einer Sekunde dann das große Verständnis.

Ich half Yusuf noch ein wenig, diverse Bücher zu sortieren (wobei ich bis heute nicht verstanden habe, nach welchem Prinzip wir dabei vorgingen), anschließend fuhren wir in den Norden der Stadt. Wir würden uns mit seinen Freunden ein Fußballspiel anschauen. Wir schlenderten ein wenig durch die Gassen eines kleinen Basars und ich bestaunte das reiche Angebot an Früchten.

Auf dem Basar entdeckt: Birnen heißen auf Türkisch „Armut“
(ja, das Schild steckt bei den Orangen, es sind aber tatsächlich die Birnen gemeint)

Wir gingen noch schnell etwas essen und setzten uns danach in die Bar, die bereits gut gefüllt war. Eine riesige Leinwand stand vor zahlreichen Stühlen, die Kellner verteilten großzügig heißen Tee. Es ist immer ganz witzig in türkischen Restaurants und Cafés zu beobachten, woher der Tee kommt — denn meistens wird er nicht im Laden selbst gemacht, sondern häufig irgendwo auf der anderen Straßenseite sodass ständig mit Tabletts überladene Männer und Frauen hektisch die Straßenseiten überqueren.

Während wir dort saßen, Tee tranken und auf den Anpfiff des Spiels warteten, wurden mir die üblichen Fragen gestellt, die ich in einem Mix aus Englisch beantwortete, gelegentlich unterbrochen durch das „In-den-Google-Übersetzer-Getippe“. Wir hielten uns mal wieder gegenseitig die Handydisplays ins Gesicht, lasen, lachten.

Das Spiel wurde irgendwann dann auch mal angepfiffen und eine gewisse Anspannung kehrte ein. Da ich der absolute Fußball-Profi bin und natürlich beide Teams und alle ihre Spieler kannte, musste ich auch nicht ständig nachfragen, welches Team jetzt nochmal das in den orangen Trikots war. Für Yusufs Freunde war es unverständlich, wie ich mich als Deutscher nicht für Fußball interessieren könnte.
Das Spiel zwischen Galatasaray (wird das so geschrieben?) und dem anderen Team (irgendwas anderes aus der Türkei) endete torlos, sodass die Fans beider Seiten enttäuscht die Bar verließen.

Auch wir verabschiedeten uns voneinander, Yusuf und ich stiegen in mein Auto und fuhren zu ihm nach Hause. Wir ließen den Tag Revue passieren und legten uns schlafen.

Der Wecker riss uns um 7:30 Uhr aus unserem tiefen Schlaf. Widerwillig standen wir auf, Yusuf machte Frühstück während ich duschen ging.  Wir wollten an diesem Tag in das Bergdorf „Uzungöl“ südlich von Trabzon fahren und die Massen umgehen, deswegen die frühe Unterbrechung unserer Ruhephase.

Im Halbschlaf stiegen wir ins Auto und ich legte eine flippige Kassette ein, irgendein heißer Miami-Mix aus den 90ern. Unsere Laune besserte sich von Minute zu Minute, Yusuf fing irgendwann an die englischen Texte „mitzusingen“, was bei ihm bedeutete, dass er das letzte Wort eines Verses, das er verstand laut wiederholte — nicht immer ganz richtig, aber es war lustig.

Nachdem wir uns die zahlreichen Kurven hinaufgequält hatten, erreichten wir das Dorf Uzungöl. Die Straße auf der wir fuhren wurde zur Kiespiste, und ich hatte meine Zweifel bezüglich der Weiterfahrt. Yusuf grinste mich an und rief ständig „No problem!“. Ich war nicht wirklich begeistert, denn die Straße war wirklich richtig, richtig schlecht.
Als dann plötzlich die Straße mitten durch ein Flussbett verlief, hatte ich genug und bereitete die Umkehr vor. Yusuf schien nicht erfreut und versuchte mich zu überzeugen weiterzufahren. Ich hatte aber einfach nur Angst um das Wohlbefinden meines Autos, ließ das Bremspedal los und rollte den Berg langsam wieder hinunter. Wahrscheinlich war das in dem Moment etwas spießig, aber das war mir egal — schließlich fahre ich einen bürgerlichen Mittelklasse-Wagen und keinen Allrad-Brecher.

Ich parkte vor einem der zahlreichen Hotels im Ort und Yusuf hatte Freude daran, wie ich argwöhnisch meine Reifen begutachtete und Steinchen aus dem Profil pulte. Yusuf hielt schließlich einen Ford Fiesta an, der uns mit auf den Berg nahm. Der Fahrer schien sich keine Gedanken um seinen fahrbaren Untersatz zu machen und bretterte durch die Schlaglöcher. Das ganze Fahrzeug wackelte wie ein Schiff bei schwerer See, der Motor hatte hörbar Schwierigkeiten den vollbesetzen Kleinwagen die steilen Straßen hochzuhieven. Wir kamen dennoch an.

Yusuf und ich setzten uns in ein Café, bestellten Tee und Mittagessen und genossen die Aussicht, Auch das obligatorische Foto-Shooting durfte nicht fehlen.

Nach einer Stunde verließen wir den Aussichtspunkt und konnten einen Pick-Up-Fahrer überzeugen, uns mitzunehmen. Er fuhr tatsächlich etwas vorsichtiger und ruhiger als unser Vorgänger.

Wir müssen warten, der Minibus hatte sich festgefahren

Wir fuhren zurück nach Trabzon, genossen ein leckeres Abendessen und verbrachten den Abend zu Hause mit türkischem Bier.

Wieder riss mich der Wecker aus dem Schlaf, diesmal um acht Uhr. Yusuf und ich machten uns fertig, ich lud meine Sachen zurück ins Auto und brachte Yusuf zur Arbeit. Wir frühstückten ein letztes Mal, verabschiedeten uns und ich machte mich auf den Weg.

Dies war meine erste Erfahrung mit wirklichen Verständigungsproblemen. Gespräche ziehen sich wegen der aufwendigen Übersetzerei hin, es kommt öfter zu Missverständnissen und es entsteht nicht immer ein flüssiger Gesprächsverlauf. Aber auch das gehört zur Erfahrung dazu, zudem kann man als Gast nicht erwarten, dass die einheimische Bevölkerung die Sprache des Gastes spricht.


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