#12 Mashhad — Ashgabat — Mary

#12 Mashhad — Ashgabat — Mary

Ich machte mich von Mashhad auf den Weg zur Grenze, konnte an diesem Tag aber ebensolche noch nicht überqueren, da mein Transit-Visum für Turkmenistan erst am nächsten Tag gültig sein würde.

Ich durchfuhr Wüsten- und Berglandschaften, es war nicht viel Verkehr und die Straße angenehm zu fahren. Für die Nacht hatte ich mir zuvor einen Park in einem kleinen Ort kurz vor der Grenze herausgesucht, der von anderen Reisenden empfohlen worden war. Ich würde dann dort campen und früh am Morgen zur Grenze aufbrechen.

Landschaft auf dem Weg zur Grenze

Circa zehn Minuten vor meiner geplanten Ankunft dort blitzte es in meinem Rückspiegel auf, ein weißes Auto hinter mir wollte mir irgendetwas per Lichthupe mitteilen. War irgendwas kaputt? Verliere ich Benzin? Brennt mein Auspuff?
Doch bevor ich diese Fragen für mich selbst beantworten konnte, überholte mich das weiße Fahrzeug — jedenfalls versuchte es das, weswegen ich etwas vom Gas ging, die iranischen Fabrikate sind nicht unbedingt sehr durchzugsstark. Der Fahrer schnitt mich leicht, schaltete seinen Warnblinker ein und bremste mich mehr oder weniger aus. Jetzt werde ich ausgeraubt, dachte ich mir, und bereitete mich mental auf eine mögliche Flucht vor.

Aus dem Wagen stieg ein Mann, vielleicht um die dreißig, vielleicht aber auch älter. Er kam freudig auf mich zugelaufen und ich ließ zögerlich das Fenster herunter.

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie das Gespräch anfing, aber er schien wohl zu verstehen, dass ich nicht aus dem Iran kam, sondern aus Deutschland. Ich zeigte ihm auf meinem Handy, wo ich hinwollte, und auch das schien er zu verstehen. Schließlich wies er mich an, ihm zu folgen, denn er wollte mich zum Essen einladen. Nun ja, dachte ich, gegen ein letztes iranisches Abendessen statt einer Dosensuppe vom Gaskocher habe ich wohl nichts einzuwenden.

Über eine kleine Nebenstraße gelangten wir schließlich zu seinem Haus und ich wurde der Familie vorgestellt. Unsere gesamte Konversation lief über den guten Google-Übersetzer, was natürlich wieder etwas umständlich war. Auch schien er die iranische Rechtschreibung nicht besonders zu beherrschen, denn ab und zu war die Übersetzung seines Getippten komplett unverständlich.

Vor dem Essen fuhr er mich noch mit seinem Motorrad durch die verwinkelten Gässchen des kleinen Ortes, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, und zeigte mir stolz seinen eigenen kleinen Acker.

Nach dem üppigen Abendessen versuchte ich gehen, denn ich wollte der kleinen Familie nicht noch mehr zur Last fallen, doch mir wurde bereits ein Schlafplatz eingerichtet, und auch nach mehrmaligen Danksagungen und Erklärungsversuchen „musste“ ich bleiben.

Ich schlief gut, wachte aber früh auf, wollte ich doch schnell zur Grenze, um noch möglichst viel vom Tag in Turkmenistan verbringen zu können. Ich nahm meinen spontanen Gastgeber der letzten Nacht noch ein Stück im Auto mit und drückte ihm meine letzten iranischen Rial in die Hand; ich hätte zwar lieber etwas für ihn gekauft, aber weit und breit war kein Geschäft zu sehen. Doch auch die Rials wollte der gute Herr nicht haben und ließ sie auf dem Beifahrersitz zurück. Ich überlegte, ob ich noch etwas anderes für ihn tun könnte, aber da war er schon ausgestiegen und lief lachend winkend davon.

Die Grenze war nicht weit entfernt, und obwohl recht früh war bereits eine ganze Menge los.

Die Ausreise aus dem Iran war ein einziges Chaos, was vielleicht auch daran lag, dass ich an einem Freitag dort war, dem iranischen Sonntag. Nach mehr als zwei Stunden Rennerei, Zettelwirtschaft und Stempelage fuhr ich durch das Niemandsland zum turkmenischen Checkpoint.

Dort musste ich erstmal durch die Röntgen-Anlage, was reichlich komisch aussah, war das Ganze doch für LKW ausgelegt und nicht meinen vergleichsweise kleinen Audi, der mich verloren aus der riesigen Halle anblickte.

Nachdem die Röntgen-Warnsirenen (Strahlung ist gefährlich!) verstummt waren, fuhr ich zur eigentlichen Kontrolle. Sofort versammelte sich eine Schar junger Soldaten um mich und ich wurde freundlich begrüßt. Der General (oder was auch immer, jedenfalls der dicke Chef) sprach sogar ein wenig Deutsch, er war mal in Dresden stationiert.

Freundlicherweise wurde mir ein junger Wehrdienstleistender zur Verfügung gestellt, der Englisch sprach und mir mit den Formalitäten half. Danke nochmal, Unbekannter! Dafür hast du mir aber auch 50 Dollar abgezogen, weil du gesagt hast, dass ich das bezahlen müsste! Das stimmte aber gar nicht!

Zum ersten Mal auf meiner Reise wurde mein Auto komplett durchsucht, und mit komplett meine ich komplett: Jede noch so kleine Tasche wurde geöffnet, jeder Gegenstand genauestens betrachtet und kontrolliert. Ich durfte sogar meine Batterie und meinen Luftfilter ausbauen, auch das Reserverad (was logischerweise ganz unten unter allen anderen Sachen liegt) wurde inspiziert und vom Drogenhund beschnuppert.

Natürlich wurde nichts Anrüchiges gefunden und somit durfte ich unter den „Schneller, schneller!“-Rufen des dicken Dresden-Generals mein Auto im Eiltempo wieder einräumen. So schnell war ich noch nie und zeitgleich erstaunt, wie gut ich dich wusste wo was ich meinem Auto hingehört.

Nach 2 Stunden hatte ich dann auch alle erforderlichen Dokumente und meinen Einreisestempel-. Tatsächlich habe ich wegen meines Transit-Visums einen Zettel erhalten, auf dem meine genaue Route durch Turkmenistan eingezeichnet ist; bei Abweichung drohen erhebliche Strafen. Auch war das Ganze recht teuer, knapp 170 Dollar durfte ich für alles zahlen. Nun, dafür war ich jetzt in Turkmenistan. In Turkmenistan!

Turkmenistan ist eines der am wenigsten bereisten Länder der Erde, es gibt leider keine genauen Zahlen, aber die Visumvergabe ist sehr strikt; viele Anträge werden abgelehnt und nur wenige haben überhaupt die Chance, das Land kennenzulernen. Es gibt zwar Touristenvisa, aber dann muss man mit einem Veranstalter das Land bereisen und kann nicht frei entscheiden oder sich gar frei bewegen. Die einzige Option, dies zu tun, ist das Transitvisum, welches ich glücklicherweise bekommen hatte. Zwar ist dieses nur für fünf Tage gültig, aber immer noch besser als gar nichts vom Land zu sehen.

Turkmenistan hat knapp 5,6 Millionen Einwohner, ist aber fast 1,4-mal so groß und besteht zum Großteil aus Wüste.

Ich glitt über einen gut ausgebauten Highway durch öde Wüstenlandschaften Richtung Ashgabat, der Hauptstadt Turkmenistans. Schneller als erwartet war ich dort und die ersten weißen Gebäude empfingen mich.

Ich fuhr zum Oguzkent-Hotel, an dem ich mich mit meinem Gastgeber Luis treffen würde, mit dem ich mich vorab über Couchsurfing verabredet hatte.

Ich war überwältigt, als ich aus dem Auto stieg. Mich empfing eine angenehme Wärme, und rings um mich herum befand sich eine unglaubliche Architektur. Es fühlte sich in einer gewissen Weise surreal an, dort zu stehen. Ich hatte zuvor viel über die Stadt gelesen, u. A. von anderen Reisenden — aber jetzt hier zu stehen, in dieser Stadt dieses verschlossenen Landes, war einfach unbeschreiblich. Ich war glücklich, erleichtert und stolz zu gleich.

 

Luis, mit argentinischen Wurzeln, kommt aus Deutschland und ist seit September letzten Jahres über den DAAD in Ashgabat und unterrichtet dort an der Universität.

Wir fuhren in seine Wohnung und anschließend in eine Bar, wo wir mit bester Live-Musik aßen und tranken; Begleitung erhielten wir von Julia und Jens, die in Ashgabat leben und arbeiten, Julia bei der deutschen Botschaft.

Es war ein interessanter Abend, und obwohl ich noch mit keiner turkmenischen Person wirklich gesprochen hatte, konnte ich bereits viel über Turkmenistan erfahren.

Der nächste Tag bestand aus einer kleinen Sightseeing-Tour und etwas Souvenirshopping. Das Autofahren in Ashgabat ist sehr entspannt, ist dort doch kaum Verkehr vorhanden, aber sehr gut ausgebaute Straßen — was dann durchaus dazu führt, dass kein einziges Auto auf einer vierspurigen Straße fährt. Nach dem Iran tat es jetzt irgendwie gut, dass alles etwas „ruhiger“ vonstattenging.

Es gibt in Ashgabat die ungeschriebene Regel, dass alle Autos weiß bzw. hell sein sollen und sauber. Auch stehen an jeder größeren Kreuzung Polizisten, die genau das kontrollieren — ich wurde in meinem blauen und Wüstendreck-bedeckten Auto natürlich entsprechend oft angehalten, aber spätestens nachdem die Herrschaften meinen deutschen Pass sahen, durfte ich weiterfahren.

Auch sind in den zahlreichen Parks kaum Menschen zu sehen, eigentlich gar nicht. Ich bzw. wir waren fast immer überall die Einzigen, nur manchmal ein paar Arbeiter, die die zahlreichen Grünanlagen pflegen. Andere Touristen sieht man nicht.
Es fühlte sich schon etwas merkwürdig an, wenn man als einziger Mensch durch eine riesige Park-Anlage läuft und niemanden trifft. Man fragt sich aber auch, für wen denn die Parks, Statuen und Prachtbauten sein sollen.

Kein Mensch, weit und breit

Der goldene Turkmenbashi

Und dann Springbrunnen, überall, sogar zwischen zwei Spuren einer Straße — ein bisschen fragwürdig in einem Wüstenstaat, aber man möchte wohl zeigen, dass man das Geld hat so „verschwenderisch“ mit der kostbaren Flüssigkeit umzugehen.

Einige bezeichnen Ashgabat gar als „tote Stadt“ und dass dort niemand auf den Straßen sei — das stimmt aber nicht, das lokale Leben spielt sich einfach nur woanders ab. Als Tourist ist es natürlich schwierig, tiefer einzutauchen, auch wegen des Zeitdrucks.

Weiterhin stehen in der Stadt an wirklich jeder Ecke Soldaten und Polizisten, entweder fühlt man sich beobachtet oder sicher, das ist jedem selbst überlassen. Auf jeden Fall muss man aufpassen, was man fotografiert, machte ich doch den Fehler den Präsidentenpalast zu fotografieren; ich wurde sofort gestoppt und meine Bilder auf der Kamera von einem Soldaten gelöscht.

Mir gefiel Ashgabat aber, die Stadt ist unvergleichlich einzigartig und sehr schön. Ashgabat hat 543 Marmorgebäude, die das Stadtbild prägen und einen ausgeprägten Symbolismus in den Gebäuden: Eine Bank sieht aus wie ein Geldstapel, das Außenministerium hat einen Globus auf dem Dach, die Dentalklinik sieht aus wie ein Zahn usw.

Der Neutralitätsturm in Ashgabat

Abends ging ich mit Luis auf eine Gartenparty einer der deutschen Diplomaten in Ashgabat. Es war ein toller, unvergesslicher Abend und ich machte zahlreiche neue Bekanntschaften mit einem weiteren DAAD-Lehrer, einem amerikanischen Diplomaten, Expats und turkmenischen Studenten. Ich konnte mich viel unterhalten und erhielt Eindrücke verschiedener Perspektiven und Blickweisen auf Ashgabat und Turkmenistan.

Leider musste ich am nächsten Morgen Ashgabat bereits verlassen, meines Transitvisums geschuldet, denn ich musste rechtzeitig an der Grenze zur Ausreise sein. Bevor ich fuhr, lud mich der amerikanische Botschafter vom vorherigen Abend noch auf eine kleine Stadtrundfahrt mit seiner Familie ein. Ich wäre gern länger in Ashgabat geblieben, denn mir hat es sehr gefallen. Ich werde versuchen, wiederzukommen.

Ich fuhr an diesem Tag noch bis nach Mary, der zweitgrößten Stadt des Landes und übernachtete dort in einem Hotel, wo ich You Song und Norbert kennenlernte, die mit dem Motorrad bis nach Korea fahren — hier ihr Blog.

 


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